Französische Revolution von 1789: Vom dritten Stand zur Nation

Französische Revolution von 1789: Vom dritten Stand zur Nation
Französische Revolution von 1789: Vom dritten Stand zur Nation
 
Die Erstürmung der Bastille am 14. Juli 1789 durch das Volk von Paris war ein spektakuläres, weil publikumswirksames Ereignis, dessen Nachricht sich in Windeseile in Frankreich und anschließend in ganz Europa verbreitete. Aber man würde aus heutiger Sicht der militant-tapferen Aktion der Pariser Bevölkerung eine zu große und singuläre Bedeutung beimessen, wollte man in ihr gar den Beginn der Revolution erblicken. Der legendäre Sturm auf die Bastille ist vielmehr ein Glied in einer Kette von Auseinandersetzungen zwischen der königlichen Macht und den Kontroll- und Mitwirkungsansprüchen einer politisierten Öffentlichkeit, die das monarchische Frankreich seit der Jahrhundertmitte erschütterten und deren explosive Krisensymptome in das Jahr 1787 zurückreichen.
 
 Die vorrevolutionäre Krise 1787/88
 
Die gravierende Finanzkrise des Staates und die penetrante Weigerung der tonangebenden Privilegierten aus Adel und Klerus, sich am gewaltig gestiegenen Finanzbedarf zu beteiligen, setzten Anfang 1787 in Versailles, dem selbstgewählten Zentrum königlicher Autorität, einen Mechanismus in Gang, der konsequent in die politische Krise von 1788/89 münden sollte. Ausgangspunkt war die Eröffnung der Notabelnversammlung am 22. Februar 1787, die der regierende König »von Gottes Gnaden«, Ludwig XVI., auf Anraten seines Finanzministers Charles Alexandre de Calonne einberufen hatte. Obwohl das Ziel dieser Versammlung die steuerliche Gleichbehandlung aller Untertanen sein sollte, setzten sich die Notabeln von 1787 ausnahmslos aus Vertretern der privilegierten Gruppierungen der ersten beiden Stände zusammen. Doch anstatt sich kooperativ gegenüber der Krone und dem Notstand in der Finanzkasse des Staates zu verhalten, setzte der Adel seinen traditionell antiabsolutistischen Anspruch in die Praxis um, indem er Calonne und auch dessen Nachfolger Étienne Charles Loménie de Brienne jeden Eingriff in seine Steuerprivilegien kategorisch verweigerte.
 
Daraufhin entließ der König Ende Mai 1787 die Notabelnversammlung, und an die Stelle der Adelsopposition trat das Parlement (Parlament) von Paris, der mächtige und oberste Gerichtshof der Hauptstadt. Der alte Konflikt zwischen der absolutistischen Verwaltung und den sich widersetzenden Parlamenten, in der der aufstrebende Neuadel, die noblesse de robe (Amtsadel), den Ton angab, erfuhr unter veränderten Vorzeichen eine politische Neubelebung: Die öffentliche Forderung nach Einberufung der Generalstände (États généraux), denen aufgrund einer alten Rechtstradition, zuletzt 1614 praktiziert, allein die Bewilligung neuer Steuern oblag, tauchte erstmals auf. Die Rolle des Parlaments in dieser Situation war allerdings äußerst zwiespältig: Im Ringen um die Meinungsführerschaft im politischen Richtungsstreit umgarnte es die aufgeklärte Öffentlichkeit mit liberalen Forderungen, während es im Innersten auf die Aufrechterhaltung seiner eigenen Privilegien abzielte. Hinzu kam, dass die Mobilisierung des Volkes gegen die Regierung vor dem Hintergrund struktureller und konjunktureller Schwierigkeiten stattfand. Die Missernte von 1788 hatte zu einem knappen Warenangebot bei gleichzeitig steigenden Preisen geführt, und im Volk verstärkte sich wegen des gravierenden Elends der Argwohn gegen die königliche Verwaltung.
 
Als auch der Versuch des Siegelbewahrers Chrétien Guillaume Lamoignon de Malesherbes, mittels einer Reform des Gerichtswesens den Widerstand des Parlaments zu brechen, scheiterte, sah sich der König gezwungen, am 8. August 1788 die Einberufung der Generalstände bekannt zu geben. Kurz zuvor, am 21. Juli, hatte die Versammlung der Provinzialstände der Provinz Dauphiné in Vizille nahe Grenoble den zukünftigen Weg bereits beschritten: Der dritte Stand (tiers état) war dort durch Überläufer aus Adel und Geistlichkeit doppelt so stark vertreten und formulierte selbstbewusst die Forderung nach einer Abstimmung nach Köpfen, nicht nach Ständen. An den Fragen nach dem Modus der Einberufung und der Abstimmung auf der für den Mai des folgenden Jahres einberufenen Versammlung der Generalstände zerriss der Schleier der Einmütigkeit zwischen Parlament und drittem Stand. Als das Pariser Parlament Ende September für die Modalitäten der letzten nationalen Ständeversammlung von 1614 optierte, wechselte die Stimmung innerhalb der Bourgeoisie zugunsten des dritten Standes. Plötzlich waren der König und die Privilegierten nicht mehr Teil der werdenden Nation, sondern das Volk setzte seine ganze Hoffnung auf die »Nichtprivilegierten«, den tiers état. In dieser für die Krone prekären Situation berief der König den als Reformer bewährten und vom Volk geschätzten Genfer Bankier Jacques Necker erneut zum Finanzminister. Ihm gelang es, die doppelte Deputiertenzahl für den dritten Stand durchzusetzen, während die Frage einer Abstimmung nach Köpfen statt nach Ständen vertagt wurde.
 
 Die Revolutionen im Sommer 1789
 
Auf dem Kulminationspunkt der politischen Krise im Januar 1789 erschien in Paris die rhetorisch glanzvolle Flugschrift des Abbé Sieyès »Was ist der dritte Stand?«, die der politisierten Öffentlichkeit die eigene Bedeutung und ihr potenzielles Aktionsfeld vor Augen führte. Unter der Flut an politischen Flugschriften, die die Wahl der Deputierten im Frühjahr 1789 begleitete, sprach keine andere so prägnant und zündend die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren an, die zu einer Identitätskrise des Landes geworden waren. Emmanuel Joseph Sieyès, Geistlicher (Abbé Sieyès), von Napoleon in den Grafenstand erhoben, weckte unter sei- nen Landsleuten das allgemeine Bewusstsein, dass allein der dritte Stand aufgrund seiner numerischen Überlegenheit die Nation verkörpere. Den Adel schloss er kühl und sachlich aus: »Diese Klasse gehört wegen ihres Müßiggangs ganz gewiss nicht zur Nation.«
 
Dem alten Modus entsprechend, fand im Rahmen der Deputiertenwahlen eine große Volksbefragung statt. Gestaffelt nach einem eigens festgelegten Reglement, verfasste zunächst jede Gemeinde, dann jede Stadt, schließlich der jeweilige Distrikt ein eigenes Beschwerdeheft (cahier de doléances), das den gewählten Deputierten zur Ständeversammlung nach Versailles mitgegeben wurde. Damit bot sich der Bevölkerung nicht nur im großen Stil Gelegenheit, Missstände und Ungerechtigkeiten aufzuzeigen, jeder Franzose versprach sich darüber hinaus von den Generalständen eine Besserung der politischen Situation.
 
Am 5. Mai 1789 war es soweit. Der König eröffnete mit einer denkbar knappen, nichtssagenden Rede die Versammlung der Generalstände in Versailles nach der traditionellen Sitz- und Kleiderordnung, was von den 585 Abgeordneten des dritten Standes als demütigend empfunden wurde. Anschließend schilderte Necker dem Plenum in trügerischen Farben den Zustand der Finanzen. Seine langatmige Rede war an die Adresse der Privilegierten gerichtet und enthielt den Vorschlag, diese sollten auf ihre Vorrechte verzichten. Vom dritten Stand wurde das Finanzreferat des Fachministers mit großer Enttäuschung aufgenommen, denn es enthielt kein Wort zum Abstimmungsmodus und vor allem kein Wort zur Verfassung. Mit der Weigerung des Königs, die brennenden Verfahrensfragen kraft seiner Regierungskompetenz zu lösen, schwächte er in den nachfolgenden Tagen nicht nur seine eigene Stellung, er verurteilte ebenso die drei Stände zur Untätigkeit. In dieser sachlich festgefahrenen Situation ergriff der dritte Stand als Erster die Initiative, indem er sich, inzwischen durch liberale Überläufer aus dem Adelsstand verstärkt, am 17. Juni 1789 zur Nationalversammlung erklärte. Nachdem sich die Mehrheit der Geistlichkeit zwei Tage später ebenfalls dem dritten Stand angeschlossen hatte, kamen die Vertreter der neukonstituierten Nationalversammlung am 20. Juni im Ballhaus zu Versailles zusammen und leisteten den feierlichen Eid, nicht eher auseinander zu gehen, bis Frankreich eine Verfassung habe. Das entschlossene Eintreten für Freiheit und Gleichheit wurde in einem Akt revolutionärer Eintracht beschworen.
 
Dies war der erste Akt der epochalen Wende von 1789: Die Revolution der Deputierten in Versailles, während deren Verlauf zwei prominente Überläufer aus den Reihen von Adel und Klerus, Graf Mirabeau und der Abbé Sieyès, dem König und damit der alten Monarchie die Stirn geboten hatten. Im Sommer 1789, von Mai bis Oktober, brach das jahrhundertealte Ancien Régime zusammen. Was die Rezepte des aufgeklärten Reformabsolutismus in fünf Jahrzehnten nicht hatte bewirken können, vollbrachte jetzt die Revolution in wenigen Monaten. Nach der Revolution der Abgeordneten von Mai bis Juni 1789 bestimmte dann letztlich das Eingreifen des Volkes den Lauf der Geschichte.
 
Die Erstürmung der Bastille
 
An die Stelle der alten dreigliedrigen Ständeordnung war eine Dreiecksdebatte zwischen den Privilegierten, dem Monarchen und dem dritten Stand getreten. Nach dem triumphalen Auftakt der Nationalversammlung im Ballhaus zu Versailles erhob sich die alles entscheidende Frage: Wie reagiert der König? Am 23. Juni äußerte er sich schriftlich in der ihm eigenen, unentschiedenen Art: Er akzeptierte und er lehnte ab, wobei sich die Aufmerksamkeit des Publikums weniger den Akzenten der Zustimmung als denen der Verweigerung zuwandte. Er sprach sich für neue Steuern und Anleihen aus und sagte »ja« zur Freiheit des Individuums und der Presse, bedingt »ja« zur Steuergleichheit. »Nein« sagte er zur staatsbürgerlichen Gleichheit, zur Auflösung der Stände sowie zum Untergang der aristokratischen Gesellschaft.
 
Die Vertreter der »versammelten Nation« (Jean Sylvain Bailly) vernahmen die Erklärung des Königs wie ein Testament und ein Fanal zugleich. Graf Mirabeau organisierte den Widerstand, indem er in der Versammlung dem königlichen Großzeremonienmeister sein legendäres »Wir lassen uns von unseren Plätzen nur durch die Macht der Bajonette vertreiben« entgegenschleuderte. Der Konflikt war vorprogrammiert, denn Ende Juni/Anfang Juli existierten in Frankreich de facto zwei Souveränitäten nebeneinander, die alte des Königs und die neue »Verfassunggebende Nationalversammlung« (Assemblée nationale constituante), die sich am 9. Juli als solche konstituiert hatte. Obwohl der König dem Druck der Versammlung nachgab und die beiden ersten Stände aufforderte, sich der Vereinigung anzuschließen, schmiedete sein eingestandener Widerstand das Bündnis der Versailler Abgeordneten mit dem Volk von Paris.
 
Königliche Marschbefehle an die Truppen und die Nachricht von der Entlassung Neckers steigerten in Paris die bereits seit langem spürbare nervöse Grundstimmung und Aufstandsbereitschaft der Bevölkerung. Neben der existenziellen politischen Bedrohung brachte die Angst der Begüterten vor einem Staatsbankrott, vor allem aber die katastrophale Ernährungslage in der Hauptstadt die Stimmungslage zum Siedepunkt. Auf der Suche nach Waffen und Pulver, um sich der städtischen Getreidevorratshäuser zu bemächtigen, zog eine aufgebrachte Volksmenge am Morgen des 14. Juli zur Bastille, dem festungsähnlichen Staatsgefängnis an der Häusergrenze von Paris. Sie galt bereits seit längerem als städtebaulicher Inbegriff des politischen Despotismus. Nur über eine kleine Garnison (80 Veteranen und 30 Schweizergardisten) verfügend, kapitulierte der Festungskommandant Bernard Jordan de Launay nach mehrstündigen gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Besatzung wurde anschließend massakriert, der aufgespießte Kopf des Kommandanten als Symbol des Sieges durch die Straßen von Paris getragen, während die Volksmenge bereits mit der Demolierung des Gebäudes begann. Der zweite Erfolg der Revolution, die Erstürmung der Bastille, war ein leicht errungener Sieg, der ein großes Ergebnis hatte und zugleich ein symbolisches Zusammentreffen offenbarte: An diesem Tag erzielte der Brotpreis aufs Jahrhundert gesehen seine höchste Notierung.
 
Bauernrevolution, Augustdekrete und der Zug der Fischweiber nach Versailles
 
Die Einnahme der Bastille bestärkte die Pariser im Entschluss des Widerstandes. Von nun an nahm ihre Stadt einen der vordersten Plätze in der revolutionären Entwicklung ein. Ihr Stadtrat wurde eine mächtige Nebenregierung, seine Nationalgarde die Keimzelle der späteren Volksarmee. Die ganze Stadt verwandelte sich in ein Kriegslager, und die Nachricht von der Erstürmung verbreitete sich wie ein Lauffeuer über das Land. Innerhalb der ländlichen Bevölkerung, die durch Versorgungskrisen, vagabundierende Bettlerscharen und hochmütige adlige Grundherren ebenso drangsaliert wie sensibilisiert worden war, brach eine Kollektivpanik aus. In der Normandie, in den Ardennen, im Elsass, in der Franche-Comté und und im Saônetal stürmten bewaffnete Bauernscharen Schlösser, Klöster und grundherrliche Archive. Ihr abgrundtiefer Hass galt nicht den eigentlichen Grundherren, sondern der Willkür ihrer Verwalter und vor allem den vielen unklaren Rechts- und Besitztiteln, die sie in einem großen Freudenfeuer verbrannten. Es war Erntezeit, und die Angst vor Räubern und Ausländern sowie die Furcht vor einem Aristokratenkomplott war groß. Die »Große Angst« erfasste weite Teile des Landes, und Gerüchte und Spekulationen entfachten einen mächtigen Kollektivgeist, der zu Gewalt eskalierte.
 
Nach der Bauernrevolution stellte sich für die Revolutionäre der Hauptstadt die Frage: Soll das Feuer gelöscht oder geschürt werden? Um das Land für die Revolution zu gewinnen, entschied man sich für die erste Lösung. Dies ist der Hintergrund für die berühmten Augustdekrete. Im Laufe einer einzigen von Fieberstimmung erfüllten Abendsitzung, der Nacht vom 4. August 1789, gaben Adel und Geistlichkeit in einem Anfall von Furcht und Edelmut ihre Feudalrechte und Privilegien preis. Das erste von der Nationalversammlung erlassene Dekret erklärte das alte Feudalsystem für »gänzlich abgeschafft«. Damit waren alle persönlichen Rechte des Grundherren wie die kaum verbreitete Leibeigenschaft, Feudalabgaben, Jagd- und Weiderechte, die grundherrlichen Gerichtsbarkeiten sowie die Zehnten der Kirche, nicht aber die sachlichen Rechte, die an adlige Ländereien gebunden waren, gemeint. Denn Letztere mussten zurückgekauft werden. Damit kam ein gewaltiger Ablösungsmechanismus, eine soziale Umschichtung von Besitz und Vermögen, in Gang, bevor der Konvent im Juli 1793 die alten seigneurialen Rechte entschädigungslos enteignete. Der Revolution war somit ein sozialpolitischer Coup von höchstem Ausmaß gelungen: die Umwandlung des alten Feudaleigentums in bürgerliches Privateigentum, das seinerseits für unantastbar erklärt wurde. Auf diese Weise wurden die französischen Bauern mit der Revolution versöhnt und legten die Waffen nieder.
 
Die Beschlussfassung des 4. August hatte die Verhandlung über einen Gegenstand unterbrochen, der vor allem Marie Joseph Motier, Marquis de La Fayette, dem ehemaligen Waffengefährten George Washingtons und Helden des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, am Herzen lag. Es war die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August, welche die theoretische Einleitung der künftigen Verfassung, zugleich aber die universelle Tendenz der französischen Umwälzung zum Ausdruck bringen sollte.
 
Den letzten Akt des ereignisreichen ersten Jahres der Revolution inszenierte erneut die Stadt Paris. Als der König sich weigerte, die Augustdekrete zu unterschreiben, und der Ruf nach Brot immer lauter wurde, zog am 5. Oktober eine von Pariser Fischweibern angeführte Volksmenge nach Versailles und nötigte den willensschwachen König samt seiner Familie, am darauf folgenden Tag in die Hauptstadt zurückzukehren. Mit der aufgezwungenen Verlegung des Wohnortes in die Hauptstadt begab sich der König in die Hände der neuen Machthaber; das waren die Konstituierende Nationalversammlung und die politischen Klubs, die von nun an über die Geschicke Frankreichs entschieden. Der Sieg war kaum verklungen, als es im Verlauf der Debatte über die Stellung des Königs in der Verfassung zur ersten Spaltung innerhalb der Patriotenpartei kam. Namhafte, meist adlige Anführer der ersten Stunde, die für eine konstitutionelle Monarchie mit starker königlicher Entscheidungsgewalt eintraten, plädierten leidenschaftlich für ein dem angelsächsischen Modell nachempfundenes Zweikammerparlament. Als sie sich mit ihrem Verfassungsprojekt in der Nationalversammlung, die mehrheitlich für ein aufschiebendes Veto des Königs votierte, nicht durchsetzen konnten, verließen sie enttäuscht und resigniert den politischen Kampfplatz. Ihnen schlossen sich weitere Adlige an. Die erste Auswanderungswelle setzte ein. Und Männer der ersten Stunde vermengten Prinzipientreue mit persönlichem Ehrgeiz: Jean-Joseph Mounier aus der Dauphiné, der einst den Ballhausschwur initiiert hatte, war der Erste, der gegen ihn verstieß. Enttäuscht legte er sein Präsidentenamt nieder und zog sich schmollend nach Grenoble zurück. Die Versammlung jedoch geriet zusehends unter den Einfluss der aktionsbereiten, brodelnden Menge. Deren Rolle als Aufspalter, als Entzweier der politischen Gruppen, hatte begonnen.
 
 Das glückliche Jahr 1790
 
In weniger als zwei Jahren schuf die Revolution ein neues Frankreich, doch alles deutete schon auf die Hinfälligkeit des neu Geschaffenen: die Weigerung des Königs, die Feindschaft der Adligen, die Spaltung der Kirche und die offenen oder verdeckten Machtkämpfe. Dennoch stand das Jahr 1790 insgesamt unter einem friedlichen Stern. Es war das wohl friedlichste Jahr der Revolution überhaupt. Nach dem fulminanten politischen Auftakt ging man jetzt daran, die territorialen, rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des neuen Staates zu verändern. Das in unterschiedliche, sich teilweise überlagernde Rechts-, Verwaltungs- und Provinzgrenzen gegliederte Frankreich wurde in 83 Departements eingeteilt und mit einem neuen dreigliedrigen Verwaltungsapparat ausgestattet: Gemeinde, Distrikt, Département. Die Gerichtsbarkeit oblag nunmehr nicht mehr den staatlichen Stellen oder der Grundherrschaft, sondern wurde unabhängig. Die Hauptstadt Paris, die lange unter königlicher Verwaltungsaufsicht gestanden hatte, erhielt ihre Autonomie zurück und wurde neu eingeteilt. An die Stelle der bisherigen 60 Distrikte traten 48 Sektionen.
 
Die Ablösung des aristokratischen Frankreich
 
Zur gleichen Zeit kleidete sich das philosophische Frankreich der Aufklärung in ein politisches, bürgerliches Gewand. Nicht mehr die Aristokratie, sondern bürgerliche Richter, Anwälte und Publizisten besetzten das soziale und politische Terrain. Man diskutierte die neue Gesellschaft auf der Straße, in den Salons, Klubs, Versammlungen jeder Art und vor allem mit einer schier ausufernden Meinungsbreite in Journalen und Tageszeitungen. Nach und nach wurden die vormals gesellschaftlichen Herrschaftsgruppen zur kollektiven Abdankung gezwungen. Das Hauptaugenmerk galt zunächst dem Adel, dem gegenüber das Verhalten der Unterschichten stets in Feindschaft umschlagen konnte. Zwar wussten die Revolutionäre genau, was sie den aufgeklärten Adligen wie dem Grafen Mirabeau, dem Marquis de La Fayette, dem Herzog von La Rochefoucauld-Liancourt, Charles Maurice de Talleyrand, Alexandre Graf von Lameth, Adrien Duport und Antoine Barnave für das Gelingen der Revolution verdankten. Dennoch blieb ihnen die Tatsache nicht verborgen, dass viele Adelsfamilien inzwischen ins Ausland gegangen waren und die Reihen der Gegenrevolution anführten. Diejenigen, die treu zur Revolution standen, fusionierten mit dem gemäßigten Bürgertum zur neuen Revolutionselite. Aus ehemaligen privilegierten Noblen wurden nun grundbesitzende Notabeln. Ein Frankreich der Besitzenden trat an die Stelle des aristokratischen Frankreich. Die kulturelle Arbeit des Jahrhunderts vereinigte sie. Im Juni 1790 schaffte die Konstituierende Nationalversammlung, auch Konstituante genannt, den erblichen Adel sowie alle Orden, Titel und Wappen, die mit der alten Adelsgesellschaft verbunden waren, kurzerhand ab. Der abgrundtiefe Hass der Revolutionäre richtete sich gegen die Privilegien, aber nicht gegen das Eigentum.
 
Die Nationalisierung des Kirchenbesitzes und die Spaltung des Klerus
 
Nach der Abschaffung des Adels erließ die Konstituante am 12. Juli 1790 ein Gesetz zur Reorganisation des Klerus. Es sah tief greifende Änderungen vor, die in ihrem Gefolge eine Kirchenspaltung auslösen und auf einen Bürgerkrieg zusteuern sollten. In einem ersten Schritt waren vorher die gesamten kirchlichen Besitztümer konfisziert und zu Nationalgütern erklärt worden, die zum Verkauf anstanden. Der zweite Schritt betraf die inneren Organisationsstrukturen der Kirche: Ehemalige Geistliche erhielten jetzt den Status eines Staatsbeamten, Priester und Bischöfe wurden dem päpstlichen Einfluss entzogen und konnten fortan nur noch von »aktiven«, also Steuer zahlenden Bürgern gewählt werden. An die Stelle der 18 Erzdiözesen traten 10 Metropolitansitze. Obwohl es noch keine Verfassung gab, nötigte das Dekret vom 26. Dezember 1790 die Geistlichen zum Eid auf die Verfassung. Zwar gingen der Abbé Henri Grégoire und der Titularbischof von Lydda, Jean-Baptiste Joseph Gobel, mit gutem Beispiel voran, jedoch lehnte die Mehrzahl den Eid ab. Zu Anfang der Revolution hatten die Dorfpfarrer gemeinsame Sache mit der Volksbewegung gemacht, und ihre Unterstützung war von großem Wert. Jetzt wurde die Geistlichkeit in zwei Gruppen gespalten. Der gefügige Teil leistete den Eid auf die Verfassung und behielt dafür seine Ämter und sein Gehalt, der mutigere Teil pochte auf seine Gewissensfreiheit, lehnte sich auf oder wählte die Emigration. Dies erwies sich immer mehr als verhängnisvoller Fehler: Die vielen Priester, die zum Gelingen der Bewegung beigetragen hatten, verwandelten sich nun in entschiedene Gegner der Revolution.
 
Das Hauptargument für die Nationalisierung des Klerus ähnelte auf eigentümliche Weise dem, was bereits zum Ausbruch der Revolution beigetragen hatte: Man wollte auf diese Weise den Staatsbankrott abwenden und die Lösung der Finanzkrise bewirken. Der Verkauf der Kirchengüter sollte eben diesem Zweck dienen, und zwar auf der Grundlage einer neuen währungspolitischen Rechnungseinheit, der Assignaten. Die Grundstücke dienten als Garantie für die Ausgabe des neuen Papiergeldes, das in großem Umfang in Umlauf gebracht wurde, was wiederum dazu führte, dass der Kurs zunächst kontinuierlich, schließlich rapide verfiel. Eine Lösung der Finanzprobleme wurde dadurch langfristig nicht erreicht, aber sie erfolgte auf Kosten der Zerschlagung des vormals ersten Standes. Allerdings leitete der Nationalgüterverkauf eine Umschichtung der Besitzverhältnisse in die Wege und weckte das Interesse breiter Volksschichten am Gelingen der Revolution. Nicht nur reiche Stadtbürger, auch große und mittlere Bauern ersteigerten neue Bodenanteile und arrondierten ihre Parzellen. Die Bauern knüpften ein starkes materielles Band an die Revolution. Sie erwiesen sich im weiteren Verlauf als die beständigste Revolutionsklientel.
 
Weitere Egalisierungsmaßnahmen
 
Der Umbau des Staates erfasste alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Während sich der revolutionäre Argwohn auf die Katholiken konzentrierte, wurde anderen religiösen Gruppen die Gleichbehandlung zuteil: Die Protestanten erhielten das passive Wahlrecht im Dezember 1789, die Juden spanisch-portugiesischer Herkunft das Bürgerrecht im Januar 1790, während die elsässischen Juden darauf noch bis September 1791 warten mussten. Die Abstufung der politischen Rechte erfolgte nach Steuerklassen, wobei Eignung und Unfähigkeit gleichermaßen berücksichtigt wurden. Gleichzeitig wurden alle Monopole, Gewerbeordnungen sowie Vorrechte in Handel und Industrie aufgehoben, allein das Getreideexportverbot bestand weiterhin aus Angst vor weiteren Unruhen. Schließlich wurden im Dezember 1790 die Erblichkeit und Käuflichkeit der Ämter, Motor und Sprengsatz der alten Monarchie, abgeschafft.
 
Als Höhepunkt des Jahres beging die neue Nation am 14. Juli 1790, dem Jahrestag des Bastillesturms, das Föderationsfest auf dem Marsfeld. Talleyrand, der Bischof von Autun, las feierlich die Messe. Danach trat La Fayette, Kommandeur der Nationalgarde, an den Altar und leistete im Namen von Nation, Gesetz und König den kollektiven Treueeid. Weitere Föderationsfeste fanden auch in anderen Städten statt, unter anderem in Straßburg.
 
 Elemente der politischen Instabilität
 
Während auf wirtschaftlichem und sozialem Terrain die Erwartungen, die man an die Revolution gestellt hatte, durchaus erfüllt werden konnten, zerfiel die Einmütigkeit der Franzosen bei der Frage nach der Legitimität der Herrschaft. Obgleich die Monarchie äußerlich bestehen blieb, war Ludwig XVI.— seines sakralen Charakters beraubt — nur mehr eine Kreatur der nationalen Souveränität. Unter allseitigem Druck musste er den Treueeid auf Nation und Verfassung schwören. Die Nationalversammlung war quasi Exekutive und Legislative zugleich. Die Volkssouveränität hatte damit gegenüber der von Montesquieu propagierten Gewaltenteilung die Oberhand behalten. Jean-Jacques Rousseaus Werk »Der Gesellschaftsvertrag« von 1762 avancierte zur Bibel der Revolutionäre. In Wirklichkeit war Frankreich nun eine konstitutionelle Monarchie ohne einen konstitutionellen König. Drei Gewalten bestimmten das öffentliche Leben: die Stadtverwaltung von Paris, die Nationalgarde und die jeweiligen Distriktversammlungen.
 
Anfangs fielen die konzeptionellen Unklarheiten nicht weiter ins Gewicht. In dem Maße, in dem die revolutionären Errungenschaften auch durchgesetzt werden konnten, erschien die politische Krise unvermeidlich. Im Sommer 1791, nach dem Tode Mirabeaus, suchte das mächtige Triumvirat Duport, Barnave und Lameth nach politischen Möglichkeiten, die Revolution zu beenden. Um der Revolution Dauer zu verleihen, sollten die Gleichheit eingeschränkt, die Freiheit begrenzt und die öffentliche Meinung auf soliden Grund gestellt werden. Wie zuvor Mirabeau schlugen die Triumvirn unfehlbar den Weg in die Tuilerien zum König ein. Aber anstatt die Führung des Staates zu übernehmen, floh der König nach Varennes. Sein Fluchtversuch wurde kurz vor Erreichen der Grenze enttarnt, und der kompromittierte Monarch wurde unter schweigender Anteilnahme der Bevölkerung nach Paris zurückgebracht. An diesem 25. Juni 1791 ist Ludwig XVI. ein erstes Mal gestorben. Noch war er nicht Geisel, aber schon ein Spielball in den Händen der Parteien.
 
Aufgrund dieses Zwischenfalls änderte sich die Lage mit einem Schlag. Es wurde offensichtlich, dass der König die Hilfe des Auslands gegen das eigene Land hatte einsetzen wollen. Seine Proklamation, vor der Flucht verfasst, zeigte, dass er sich zur österreichischen Armee in den Niederlanden begeben wollte, um mit dieser nach Paris zurückzukehren und durch Auflösung der Nationalversammlung seine absolute Macht wiederherzustellen. Seine Flucht zerriss den Schleier der konstitutionellen Monarchie. Die Meinungen unter den führenden Revolutionären über den einzuschlagenden Kurs gingen weit auseinander. Antoine Condorcet, der berühmte Mathematiker, forderte die Republik, während Maximilien de Robespierre ihr noch misstraute, da sie seiner Meinung nach zur Oligarchie führe. Der politisch radikale Klub der Cordeliers, angeführt von Jean Paul Marat und Georges Jacques Danton, drängte und rief das Volk am 17. Juli 1791 zu einer zentralen Demonstration auf dem Marsfeld zusammen, in deren Verlauf La Fayette auf die Menge schießen ließ. Das, was im August und Oktober 1789 durch die Besonnenheit der handelnden Akteure verhindert worden war, trat jetzt ein: Die Jakobiner spalteten sich in einen gemäßigten Flügel, der sich Feuillants nannte und die Regierungsgewalt für sich reklamierte, und einen radikalen Teil, der sich zunächst in den Untergrund begab. Mit großer Eile ging man nun an die Ausarbeitung und Verabschiedung der Verfassung, die am 3. September 1791 in Kraft trat. Ihre Grundlage war liberal-demokratisch: Das königliche Veto hatte nur aufschiebende Wirkung, über Krieg und Frieden konnte nur mit Zustimmung der Versammlung entschieden werden, jedes der 83 Departements und jeder Distrikt besaßen eine eigenständige Versammlung. Die Parlamentsarbeit wurde nur von einer Kammer erledigt, in der wegen des Zensuswahlrechts das Bürgertum die führende Rolle übernahm.
 
Als die Verfassung vollendet war, löste sich die Konstituierende Nationalversammlung am 30. September 1791 auf. In einem Akt der Selbstverleugnung hatte sie bereits angeordnet, dass ihre eigenen Mitglieder nicht zu Mitgliedern der neuen Legislative gewählt werden könnten. Um der personellen Diskontinuität willen wurde ein wichtiger politischer Erfahrungsschatz geopfert.
 
 Die Gesetzgebende Nationalversammlung
 
Am 1. Oktober 1791 nahm die Gesetzgebende Nationalversammlung (Assemblée nationale législative) die Arbeit auf. Gegenüber der Konstituante hatte die neue Kammer einen Linksruck vollzogen, weil die liberalen Adligen, allen voran La Fayette, nicht mehr vertreten waren. Die Legislative, wie sie auch bezeichnet wird, war aber alles andere als radikal: In ihr waren insgesamt 745 Abgeordnete vertreten, darunter 264 Feuillants und 136 Jakobiner. Die meisten Mitglieder gehörten zur breiten Mitte der »Unabhängigen«, in der Regel waren es vermögende Bürger, Herren in Galoschen und mit Regenschirm, die versuchten, den Status quo zu erhalten und eine weitere Radikalisierung durch die Pariser Bevölkerung zu vermeiden. Zu den führenden Köpfen der neuen Körperschaft zählten die Girondisten, unter denen namentlich Jacques Pierre Brissot und Pierre Victurnien Vergniaud den Ton angaben.
 
Kriegsdebatten
 
Seit der Flucht des Königs nach Varennes und der von Kaiser Leopold II. und dem preußischen König Friedrich Wilhelm II. im Schloss Pillnitz bei Dresden am 27. August 1791 für ihren französischen »Vetter« Ludwig als Pillnitzer Konvention verfassten Solidaritätserklärung, die in Frankreich als Provokation und Einmischung in die inneren Angelegenheiten angesehen wurde, war die Revolution samt ihrer Inhalte nicht länger auf Frankreich begrenzt. Europa wurde nunmehr mit den inneren Problemen der Revolution konfrontiert. Die Feuillants wollten eine kriegerische Auseinandersetzung mit dem Ausland vermeiden, aber Ludwig brüskierte sie durch die Ernennung von General Charles François Dumouriez, der den Krieg wünschte, zum Kriegsminister. Zwar unterschrieb und beschwor der König die am 3. September verkündete neue Verfassung, die den Absolutismus beseitigte, aber die immer schärferen Maßnahmen der Legislative gegen die Emigranten, deren Rückkehr erzwungen werden sollte, und gegen die eidverweigernden Priester, die in der Vendée und anderen Teilen des Landes das Volk gegen die Pariser Führung aufhetzten, machten eine Versöhnung zwischen Ludwig und der Nationalversammlung unmöglich. Dazu verschlimmerte sich die innenpolitische Lage. Die Assignaten verloren ständig an Wert, und der Ruf nach festgesetzten Lebensmittelpreisen vonseiten der ärmeren Schichten wurde immer stärker.
 
Die Herausforderung mit dem König sollte auf eigenem Feld angenommen werden. Über die Wünsche und Vorstellungen des Königs herrschte in der Legislative Klarheit, aber von welcher Art war die patriotische Einmütigkeit? Die gemäßigten Kräfte aus dem Kreis der Feuillants waren die neuen Bewerber um die Rolle als Berater des Königs. La Fayette, der als Kommandant der Nationalgarde zurückgetreten war, wurde jetzt Bürgermeister von Paris, erhoffte sich aber insgeheim ein Heereskommando. Um die politischen Ambitionen der Königstreuen zurückzudrängen, eröffneten die Girondisten mit Brissot an der Spitze im Oktober 1791 in der Legislative die Kriegsdebatte. Nach Brissots Überzeugung konnte allein der Krieg die Lage im Innern klären. Gleichzeitig bot sich die Möglichkeit, die Armee der Emigranten in Koblenz zu vernichten. Laut Brissot war der Krieg gegen die monarchischen Könige Europas im Voraus gewonnen, weil die französische Armee als Befreierin der Völker gefeiert werden würde. Allein Robespierre war dagegen. Er warnte vor dem Krieg, weil er die Existenz der Revolution gefährdet sah und eine Militärdiktatur befürchtete. Der Feind stand seiner Meinung nach nicht an den Grenzen Frankreichs, sondern im Innern. Erst ein geeintes Frankreich könne mit Aussicht auf Erfolg den europäischen Monarchien trotzen. Doch schließlich erklärte die Nationalversammlung am 20. April 1792, nachdem sie zuvor in zwei Erklärungen ihren Friedenswillen bekundet hatte, dem König von Böhmen und Ungarn, womit direkt der Kaiser und indirekt Österreich gemeint war, den Krieg. Die militärische Auseinandersetzung der Revolution mit den verbündeten Armeen Preußens und Österreichs, die im Frühjahr 1792 begann, hatte drei einschneidende Folgen: Sie wurde dem König zum Verhängnis, sie vernichtete Brissot und brachte Robespierre an die Macht.
 
Der Französische Revolutionskrieg und die Absetzung des Königs
 
In der Kriegsführung unerfahren und ohne das kriegskundige adlige Offizierkorps unzulänglich ausgestattet, erlitt die junge Revolutionsarmee aus übereilt ausgebildeten und schlecht ausgerüsteten Freiwilligen eine Niederlage nach der anderen. Die vielen Deserteure trugen ebenfalls nicht zur Aufbesserung von Moral und Kampfeskraft der Truppe bei. Zu den militärischen Niederlagen gesellten sich alsbald wirtschaftliche Probleme. Die Geldentwertung nahm infolge des Verfalls der Assignaten immer größere Ausmaße an und führte zu Unruhen in den Städten, die nur mit Mühe niedergehalten werden konnten. Insgesamt radikalisierte sich das Bewusstsein des französischen Volkes, und Gewalttätigkeiten erlebten einen ungeheuren Auftrieb.
 
Am 20. Juni 1792 konnten die Aufständischen bei ihrem Sturm auf die Tuilerien den Widerstand des Königs noch nicht brechen. Es gelang ihnen aber am 10. August mithilfe der Provinz. Frankreich drohte die Invasion. Aufgrund der prekären militärischen Lage hatte die Legislative am 11. Juli erklärt: »Das Vaterland ist in Gefahr«. Vor diesem Hintergrund fand der Ruf nach der Republik eine stetig wachsende Resonanz. Nachdem bereits am 3. August alle Sektionen der Hauptstadt die Absetzung des Königs gefordert hatten, erstürmte dann am 10. August die aufgebrachte Volksmenge, unterstützt von den Föderierten aus Marseille und Brest, die Tuilerien. Der bedrängte König begab sich zusammen mit seiner Familie in die Obhut der Nationalversammlung. Sein weiteres Schicksal, zunächst Geisel, dann Gefangener und schließlich Delinquent, nahm damit seinen Lauf.
 
Die föderierten Freiwilligenverbände, die von Marseille aus zur Unterstützung der Pariser Patrioten in die Hauptstadt gezogen waren, hatten zum Gelingen der »zweiten Revolution« den entscheidenden Beitrag geleistet. Auf ihren Lippen hatten sie ein Lied, das am 25. April 1792 im Hause des Straßburger Bürgermeisters Philippe Frédéric de Dietrich — von dem jungen Offizier Claude Rouget de Lisle als Kriegslied für die Rheinarmee komponiert — erstmals erklungen war und jetzt als »Marseillaise« allgemeine Verbreitung fand. Die Revolution des 10. August 1792 war somit das Ergebnis einer patriotischen Bewegung wider den Verrat.
 
Die »zweite Revolution« beendete die mehr als 900 Jahre alte Königsherrschaft in Frankreich. Die konstitutionelle Monarchie scheiterte letztlich an ihrer eigenen Unglaubwürdigkeit, die Ludwig XVI. durch seinen persönlichen Wankelmut und seine Anhänger und Berater durch ihre Flucht verkörperten. Sowohl La Fayette wie auch kurze Zeit später der Kriegsminister Dumouriez verließen das Land und liefen zu den Österreichern über. Doch nicht nur in politischer Hinsicht, gemeint ist der Bruch mit der monarchischen Regierungsform, war der 10. August ein Wendedatum. Auch der Führungskader der neuen Revolutionselite veränderte sich. Auf Vorschlag von Robespierre wurde festgelegt, dass die Mitglieder der neuen Versammlung, des zukünftigen Konvents, der der Gesetzgebenden Nationalversammlung folgte, nach dem allgemeinen Wahlrecht und nicht mehr nach dem Zensussystem gewählt werden sollten. Bürgerliche Intellektuelle, Journalisten und demokratische Advokaten betraten die politische Bühne. Auch sie zollten dem Besitz ihren Respekt; aber was die Männer des Konvents von ihren Vorgängern unterschied, war vor allem die offenere Haltung gegenüber einem Bündnis mit dem Volk, das sie zum Sieg benötigten. Diese hehre Allianz sollte sie allerdings später spalten. Obwohl die Republik nicht ausgerufen war, zeigten sich die Unterschiede zu 1789 in aller Deutlichkeit: 1789 hatte die massive Einwirkung der Straße die Konstituante gerettet, nun verurteilte sie deren Nachfolgerin, die Legislative, zur Selbstaufgabe.
 
 Frankreich wird Republik
 
Der Nationalkonvent setzt sich zusammen
 
Am 21. September 1792 trat der Nationalkonvent (Convention Nationale) zu seiner ersten Sitzung zusammen. Im Gegensatz zur vorhergehenden Körperschaft war ihm eine längere Amtszeit beschieden. Er bestimmte über drei Jahre bis Ende 1795 die Geschicke Frankreichs. Diese relativ lange Zeitspanne gehörte zur turbulentesten der ganzen Revolutionszeit. Während der Terror, den ein Jahr später der Wohlfahrtsausschuss zur Regierungsmaxime erhob, bereits in der Stadtverwaltung von Paris, der Kommune, in noch unscharfen Konturen vorgeformt war, als der Konvent das erste Mal zusammentrat, war die Machtverteilung innerhalb des Konvents zumindest zu Beginn ausgewogener, schon deshalb, weil 450 von 750 Abgeordneten als Parlamentsneulinge erstmalig gewählt worden waren. Etwa 200 Deputierte gehörten der Gruppe der Girondisten an, die jetzt die wichtigsten Regierungsämter einnahmen. Das Gros ihrer Anhänger entstammte dem Besitzbürgertum aus der Provinz. Zur Opposition, die man nach den von ihren Anhängern eingenommenen oberen Plätzen im Sitzungssaal Bergpartei (Montagnards) nannte, zählten etwa 100 Mitglieder. Diese Gruppe, von Robespierre und Marat angeführt, konnte sich weitgehend auf den Pariser Jakobinerklub und deren Tochtergesellschaften in der Provinz stützen. Die Mehrheit der Abgeordneten formierte sich in der Mitte des Sitzungssaales zur Plaine (Ebene) und unterstützte zunächst die Politik der Girondisten, später arbeitete sie mit der Bergpartei zusammen. Royalisten waren nicht zugelassen. Die politische Erbschaft, die der Konvent antrat, war überaus schwierig: Zum einen musste die Verfassung nach dem Sturz der Monarchie den neuen Verhältnissen angepasst werden, zum anderen zeigte die negative Kriegssituation bereits die ersten innenpolitischen Auswirkungen. An diesen Aufgaben gemessen, stand die andere wichtige Frage, was mit dem gefangen gehaltenen König geschehen solle, zunächst nicht zur Diskussion.
 
Vom Sturz des Königtums bis zur Errichtung der Republik am 21. September 1792
 
Nach dem 10. August war die Regierungsgewalt einem Exekutivrat übertragen worden, der sich aus sechs Mitgliedern zusammensetzte. Danton wurde Justizminister, Jean-Marie Roland de la Platière Innenminister, Charles François Lebrun Außenminister, und das Finanzministerium übernahm der Genfer Bankier Étienne Clavière. Die ersten Maßnahmen, die der Exekutivrat anordnete, richteten sich, nun in aggressiver Form, gegen die alten Eliten aus Klerus und Adel. Ein Sondergericht sollte gegen eidverweigernde Priester vorgehen. Gleichzeitig wurde mit der Einrichtung des Standesamtes der bürgerliche Zivilstand der Ehe, Scheidung inbegriffen, eingeführt. Dies waren Konzessionen an die bäuerliche Welt, um sie aus der vermeintlich klerikalen Umklammerung zu befreien. Die Solidarität mit dem Land, die auf die Erfahrung vom August 1789 zurückgriff, wurde sogar noch untermauert: Die Regierung zog das Eigentum der Emigranten ein und bot es zum Verkauf an. Zur Unterstützung all dieser Maßnahmen nahm die Guillotine, ein von dem Arzt Joseph Ignace Guillotin aus humanitären Überlegungen heraus eingeführter neuer Strafrechtsvollzug, am 21. August erstmals ihren mörderischen Betrieb auf.
 
Aufgrund der Nachrichten von den Grenzen, die den Fall der Festungen von Longwy und Verdun meldeten, kam es in Paris zu ersten gewalttätigen Auseinandersetzungen, den Septembermorden. In der Zeit vom 2. bis 6. September drang das Volk von Paris in die Gefängnisse ein und massakrierte politisch Verdächtige, eidverweigernde Priester und gewöhnliche Kriminelle. Der Hintergrund dieser ersten Schandtat der Revolution war eine terroristische Verkettung von Niederlage, Verrat und Bestrafung, der insgesamt 1500 Personen zum Opfer fielen, darunter 300 Priester. Die Morde geschahen unter den Augen der verantwortlichen Pariser Kommune, und auch Danton als Justizminister unternahm nichts, um sie zu verhindern.
 
Die Inauguration des Nationalkonvents fiel zusammen mit einem Ereignis, das wie ein politischer und psychologischer Triumph wirkte. Am 20. September erzielte die französische Armee bei Valmy ihren ersten Sieg über den alliierten Feind. Dabei war Valmy im eigentlichen Sinn keine Schlacht, sondern ein Artillerieduell, eine Kanonade, aufgrund derer der betagte Heerführer der preußischen Armee, der Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, den Rückzug anordnete, der dann in eine militärische Niederlage überging. Einen Tag später, auf seiner ersten Sitzung, erklärte der Konvent die Abschaffung der Monarchie. Frankreich wurde eine Republik. Und um die Tragweite die- ser Zäsur zu dokumentieren, beschloss der Konvent die Einführung des republikanischen Kalenders, der den siebentägigen christlichen Wochenrhythmus durch einen dezimalen ersetzte. Der Kalender selbst wurde erst ein Jahr später rückwirkend eingeführt und von Napoleon mit Ablauf des Jahres 1806 wieder abgeschafft.
 
Frankreich als Republik
 
Die Einführung der Republik rettete die Revolution, zumal sie von Beginn an darauf angelegt war. In kurzen Abständen brach der Konvent alle diplomatischen Beziehungen zu den europäischen Staaten ab. Man folgte dem girondistischen Modell der Bekehrung durch Propaganda und der Befreiung durch Armeen. Valmy hatte dem wehrhaften citoyen (Bürger), der jetzt das vertrauliche Tu, Toi (Du) für die Anrede benutzte, die Möglichkeit des Sieges offenbart. In einer Art Vorwärtsverteidigung überschritten die hoch motivierten Revolutionsarmeen die französischen Grenzen: Nizza und Savoyen wurden erobert, das linke Rheinufer besetzt, und Dumouriez fiel in Belgien ein. Im Frühjahr 1793 kämpfte die junge Republik gegen England, den Papst, die italienischen und deutschen Fürsten und auch gegen Spanien. Die Girondisten verkörperten als tonangebende Gruppe nach innen wie nach außen einen festen Zusammenhalt, auch wenn ihre Anhänger verschiedenen sozialen Gruppierungen angehörten. Sie definierten sich sowohl von ihren Überzeugungen her, die im föderalistischen Gedankengut ihre Wurzeln hatten, als auch über ihr Feindbild, die Montagnards. Ihr Motto war gegen Paris gerichtet, gegen den terroristischen Fanatismus der Pariser Kleinbürger und sozialen Unterschichten, die als Sansculotten (Hosenlose) ihre politische Wirksamkeit zu entfalten begonnen hatten. Politisch entscheidend blieb dennoch die Plaine unter dem Einfluss des Abbé Sieyès, des Juristen Jean-Jacques Régis de Cambacérès und des Südfranzosen Bertrand Barère de Vieuzac.
 
Dies zeigte sich vor allem im Prozess gegen den König. Gegen ihn hatte der Konvent im Dezember 1792 Anklage erhoben, nachdem im Tuilerienschloss aufgefundene Geheimdokumente die Verbindungen Ludwigs mit der konterrevolutionären Bewegung des Auslands als Beweismaterial zutage gefördert hatten. Nachdem nicht ein unabhängiges Gericht, sondern der Konvent selbst sowohl die Anklage wie auch die Gerichtskompetenz zur eigenen Sache erklärt hatte, war klar, dass es sich um einen politischen Prozess handeln würde. Ludwig XVI., der am Ende seines Lebens eine Charakterfestigkeit an den Tag legte, die jedermann erstaunte, weil man sie vorher von ihm gewünscht hatte, trat am 21. Januar 1793 seinen letzten Gang zur Guillotine an. »Ich behaupte, dass der König wie ein Feind bestraft werden muss«, verlangte der junge Louis Antoine de Saint-Just, und Robespierre hatte in seiner Anklagerede ausgerufen: »Ludwig muss sterben, damit das Vaterland lebe.« Mit der öffentlichen Hinrichtung ihres Königs dokumentierte die Revolution auf martialische Weise gegenüber sich selbst und den argwöhnischen Augen des monarchischen Auslands, dass es kein Zurück mehr gab. Symbolisch stand der Kopf des Königs für die Enthauptung eines verhassten Regimes.
 
Für den Zusammenhalt der parteipolitischen Gruppierungen im Innern war der Tod Ludwigs XVI. alles andere als stimulierend, er bewirkte eher das Gegenteil. Die Machtkämpfe zwischen Girondisten und Montagnards brachen in dem Moment aus, als die politische und ideologische Dialektik des Krieges, nachdem sich die militärischen Niederlagen häuften, wie ein Bumerang nach Frankreich zurückfederte. Die Girondisten konnten diese Entwicklung weder voraussehen noch ganz zu der ihrigen machen.
 
Im Frühjahr 1793 musste sich die Revolution nicht nur der äußeren Bedrohung erwehren. Widerstand regte sich auch im Innern. Die katholische Landschaft Vendée erhob sich gegen die entklerikalisierte Revolutionszentrale. Die anhaltende Kriegswirtschaft hatte das Dahinsiechen der lokalen Industrien verursacht und zu Massenelend geführt. Ebenso war der Verkauf der Nationalgüter meist zugunsten der reichen Stadtbürger entschieden worden, sodass die bäuerliche Bevölkerung, unterstützt von royalistischen Adligen und britischem Geld, zum Aufstand überging. In der nationalen Krise von 1793 zeigte sich einmal mehr, dass Frankreich keine wirkliche Regierung hatte. Das Parteienlager war untereinander zerstritten, und insgeheim schürten die Girondisten den Kampf gegen Paris: Sie stachelten Marseille und Lyon gegen die Hauptstadt auf.
 
Die Montagnards schmiedeten derweil eine neue Waffe. Sie erzwangen den Kurs der Assignaten und setzten einen Höchstpreis für Getreide fest. Mit der Durchsetzung dieser Maßnahmen wurden das neu installierte Revolutionstribunal und der Anfang April 1793 eingesetzte Wohlfahrtsausschuss beauftragt, deren Deputierte sich wiederum Dantons Herrschaftskünsten zu beugen hatten. Um sich der zunehmenden politischen Radikalisierung der Pariser Politszene, die von der Bergpartei unterstützt wurde, entgegenzustemmen, griffen die Girondisten zum Mittel der Verhaftungen. Zunächst traf es Marat, anschließend zwei weitere Agitatoren. Sie alle erwirkten jedoch ihre Freilassung und wurden im Triumphzug in den Konvent zurückgetragen. Während die politischen Waffen der Girondisten immer stumpfer wurden, planten die Montagnards bereits ihrerseits den nächsten Coup. Am 2. Juni 1793 fiel die Entscheidung. Ein gut organisierter Aufstand der Enragés (wilde Heißsporne), organisiert von den Anführern der Sektionen und Volksviertel von Paris, holte zum finalen Schlag gegen die Girondisten aus. 29 führende Mitglieder wurden verhaftet, andere konnten entkommen und tauchten in der Provinz unter. Die Bergpartei hatte ihren Sieg mit einem Staatsstreich des Volkes gegen die Volksvertretung des Konvents bezahlt.
 
 Die Diktatur des Wohlfahrtsausschusses 1793/94
 
Seit dem 2. Juni hatte Frankreich eine Regierung der vollendeten Tatsachen, nicht des Rechts. Der von den Montagnards beherrschte Konvent verschob die Diskussion über die neue, demokratische Jakobinerverfassung und betraute stattdessen die provisorische Regierung bis zum Frieden mit der alleinigen Herrschaftsausübung. Der Wohlfahrtsausschuss, angeführt von Robespierre, übernahm die Exekutive. Der ehemalige Anwalt aus dem nordfranzösischen Arras errichtete in der Zeit der Krise eine Art Kriegsdiktatur, indem er nach und nach seine Widersacher ausschaltete. Für ein Jahr, bis zu seinem Sturz im Juli 1794, besaß Robespierre die alles dominierende autoritäre Gewalt.
 
Doch der Wohlfahrtsausschuss setzte sich nicht offiziell an die Spitze der Revolution. Er fungierte eher als Schiedsrichter einer Allianz, die von den Parlamentariern der Plaine und dem Stadtvolk von Paris gebildet wurde. Zwar war seine Diktatur de facto eine Volksfrontregierung, aber sie band und stützte sich auf politische Kräfte, die eine außerordentliche Heterogenität in ihrer sozialen Zusammensetzung aufwies. Selbst die Mitgliederliste des Ausschusses verkörperte die Gegensätze überdeutlich. Neben Barère, dem Mann des Konvents, gehörten ihm Jean-Baptiste Robert Lindet an, der den Terror ablehnte, während Jean Marie Collot d'Herbois und Jean Nicolas Billaud-Varennes ihn predigten. Dementsprechend verstand sich der Wohlfahrtsausschuss als Herrschaftsforum der handelnden Minderheiten, mit dem Ziel, die unterschiedlichen Interessen einer koordinierenden, einheitlichen Behandlung zuzuführen.
 
Neben den vielen sektiererischen Kleingruppen waren die Sansculotten die bedeutendste und zugleich radikalste Gruppierung. Sie zeigten öffentlich am deutlichsten die psychologischen Spuren der jüngsten Vergangenheit. Mit ihrer roten Mütze, der Pike in der Hand, dem brüderlichen Du und ihrer Tugendhaftigkeit waren die Sansculotten geradezu die Umkehrung der alten aristokratischen Gesellschaft. Durch ihre Präsenz übten sie eine permanente Kontrolle auf Politik und Gesellschaft gleichermaßen aus. Neben dem Konvent, der sich ihrer oft bediente, praktizierten die Sansculot- ten eine militante Form direkter Demokratie. Getreu ihrer Überwachungs- und Kontrollstrategie forderten sie den sozialen und wirtschaftlichen Interventionsstaat und erteilten den Prinzipien des bürgerlichen Liberalismus, den die Girondisten propagiert hatten, eine deutliche Absage.
 
Die Herrschaft des Terrors
 
Währenddessen überschlugen sich im Herbst 1793 die Ereignisse. Die Revolution drohte an ihren eigenen Widersprüchen zu ersticken. Weder die Lage im Innern noch an den Grenzen erwiesen sich auf Dauer als stabil. Im Gegenteil, der Abgeordnete Barère verglich die Situation der Republik am 23. August in einer Rede vor dem Konvent mit der einer großen belagerten Festung. Daraufhin beschloss die Versammlung die Levée en masse, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Von Lazare Carnot glänzend organisiert, standen Ende September 150000 Mann unter Waffen. Zunächst wurden die innenpolitischen Feinde niedergerungen. Besonders hart ging die Republik gegen die Städte Marseille und Lyon vor, die nach ihrer Einnahme in Ville-sans-nom (Stadt ohne Namen) bzw. Ville-Affranchie (befreite Stadt) umgetauft wurden. Der Aufstand in der Vendée konnte zwar ebenfalls im Dezember 1793, endgültig erst im Februar 1794, militärisch niedergeschlagen werden. Aber die Region konnte weder nachhaltig befriedet, geschweige denn für die Revolution gewonnen werden. Über 30000 Menschen kostete der innerfranzösische Bürgerkrieg das Leben. Zur Rechtfertigung ihrer brutalen Vorgehensweise hatten Wohlfahrtsausschuss und Konvent sich im September zum Terror als zulässigem Regierungsmittel bekannt. Am 17. September 1793 wurde der Terror auf die revolutionäre Tagesordnung gesetzt, es begann die Zeit der Schreckensherrschaft der radikalen Jakobiner, in deren Verlauf es zu einer ungeheuren Anzahl von Prozessen und Todesurteilen kam. Man hat errechnet, dass bis zum Sturz Robespierres etwa 17000 Todesurteile ausgesprochen wurden, die Gesamtzahl der guillotinierten Opfer betrug 35000 bis 40000.
 
Aber die Revolution fraß, wie es der girondistische Abgeordnete Pierre Vergniaud bereits prophezeit hatte, auch ihre eigenen Kinder. Sukzessive, im Tempo eines aufgezogenen Uhrwerks, räumte Robespierre seine wirklichen oder auch nur vermuteten Gegner aus dem Feld. Während von Oktober bis Dezember 1793 die Vertreter der alten Welt bzw. die verbliebenen Kräfte der ersten Revolutionsgarnitur, darunter Marie Antoinette, Philippe Égalité, ehemals Herzog von Orléans, Barnave, Jean Sylvain Bailly, hingerichtet wurden, richtete sich jetzt die Aufmerksamkeit auf die Kräfte der gemäßigten »Citras« wie auf die radikaleren »Ultras«. Als Erste fielen der Journalist Jacques René Hébert, genannt Père Duchesne, und seine Anhänger, die einen entchristianisierten Vernunftkult predigten, der Guillotine zum Opfer. Es folgten im April 1794 Danton, der große Revolutionsheld, und Camille Desmoulins, der fähigste und geradlinigste Journalist der Revolutionsepoche, allesamt ehemalige Mitstreiter Robespierres. Danton, dem korrupten aber volksnahen Politiker, der sich dem prinzipientreuen, unbestechlichen Robespierre beugen musste, wurde es zum Verhängnis, dass er öffentlich den Terror als Ultima Ratio der Politik verurteilt hatte.
 
Von nun an war die Revolution gleichsam »eingefroren« (Saint-Just), aber Robespierre verschärfte den Druck erneut. Die neuen Gesetze gegen die »Verdächtigen« leiteten den Beginn des »Großen Schreckens« ein. Die Kommune beugte sich und gehorchte. Mit ihr verschwanden ebenso die vielen Klubs. Pressefreiheit gab es schon lange nicht mehr. Robespierre führte jetzt eine Minderheitsregierung an, die gleichsam ihr eigenes Prinzip guillotiniert hatte. Auf der Suche nach einer sinnstiftenden Revolutionsidentität fand unter seiner Regie am 8. Juni 1794, nach dem christlichen Kalender Pfingsten, das »Fest des Höchsten Wesens« statt. Damit hatte er, um dem Atheismus den Boden zu entziehen, eine Ersatzreligion ins Leben gerufen, doch der Widerstand gegen seine Diktatur organisierte sich bereits im Verborgenen. Der Sturz Robespierres und seiner Helfershelfer am 9. Thermidor (27. Juli 1794) bezog seine Kraft aus der Logik des Sieges wie aus dem ungeheuren Überdruss der Öffentlichkeit. Der Konvent vereinigte das Lager der vielen Unzufriedenen und nahm Rache für den erlittenen politischen Kompetenzverlust. Der 9. Thermidor bedeutete das Ende der Schreckensherrschaft. Aber als Legende lebte die Jakobinerdiktatur weiter, gerade wegen ihres Erfolges, als gelungene nationale Rettungsaktion angesichts der inneren und äußeren Bedrohung. Die Revolution gönnte sich indes eine Verschnaufpause, nachdem zwei zentrale Konzeptionen gescheitert waren: Dantons Freiheit durch Frieden und Robespierres Freiheit durch Terror.
 
Das Ende der Wohlfahrtsdiktatur Robespierres ist ohne Zweifel ein Einschnitt in der Geschichte der Revolutionszeit. Frankreich stürzte nicht ins Chaos, stattdessen begann im ganzen Land das große Stühlerücken. Im Konvent schlug jetzt die Stunde der Plaine. Die »Umstürzler«, die sich nun Thermidorianer nannten und sich aus reuevollen Terroristen und begnadigten Girondisten zusammensetzten, besetzten die politischen Schaltstellen und ordneten die parlamentarischen Reihen neu. Für diese »Königsmörder« (François Furet) waren der existenzielle Kampf gegen Europa und die royalistische Restauration ein und dasselbe: der Kampf ums Überleben. Sie standen treu zum Expansionsdrang der Revolution und hingen den außenpolitischen Fantasien der Girondisten an: Freiheit durch Sieg und Eroberung. Allerdings konnten auch sie den Folgen, die der Krieg innenpolitisch hervorrief, nicht entgehen.
 
Doch bevor sich die Thermidorianer ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Außenpolitik, zuwenden konnten, galt es zunächst, die Lage im Innern zu stabilisieren. Die permanente Kriegswirtschaft und der harte Winter 1794/95 hatten im Land deutliche Spuren hinterlassen. Noch zweimal konnten die Pariser Sansculotten ihren Forderungen nach Brot und Wiederherstellung der Preiskontrollen gewaltsam Ausdruck verschaffen. Die Mehrheit des Konvents widersetzte sich ihrem Ansinnen ebenfalls mit Gewalt, ließ die Vorstädte entwaffnen und diejenigen Deputierten, die mit den Aufständischen sympathisiert hatten, verhaften und deportieren. Die Pariser Volksbewegung war damit endgültig zerschlagen und spielte nach 1795 keine Rolle mehr. Ein Jahr später widerfuhr Gracchus Babeuf (so wurde François Noël Babeuf genannt), der die Abschaffung des Privateigentums sowie soziale Gleichheit propagiert und zum Umsturz aufgerufen hatte, das gleiche Schicksal. Dagegen blieben die Übergriffe junger, meist wohlhabender Leute (jeunesse dorée) gegenüber den verhassten Jakobinern und Aufkäufern von Nationalgütern, die sich im »weißen Terror« entluden, eher marginal.
 
Nachdem sich die innenpolitische Lage im Sommer 1795 entspannt hatte, war auch der systematische Einsatz von Gewalt überflüssig geworden. Allerdings blieben die Repressionen, und die Frage nach der Legitimität des neuen Regimes rückte ins Blickfeld. Am 23. September 1795 gaben die Thermidorianer Frankreich eine neue Verfassung, die der bürgerlichen Öffentlichkeit wieder das Wort erteilte. Sie handelten aber sofort ihrem Geist und Wortlaut zuwider mit dem Dekret, wonach zwei Drittel der neuen Parlamentsmitglieder aus den Reihen des alten Konvents entnommen werden sollten. Dadurch konnten sie die beiden neuen Kammern, den Rat der Alten (Conseil des Anciens, 250 Mitglieder über 40 Jahre alt) und den Rat der Fünfhundert (Conseil des Cinq-Cents, Mindestalter 30 Jahre) zwangsweise besetzen. Benannt wurde das Direktorium nach seiner Exekutive, einem Gremium von fünf Direktoren, die sich die einzelnen Ressorts untereinander aufteilten. Um der Diktatur eines Einzelnen oder einer Gruppe vorzubeugen, aber auch um einen genügenden Einfluss der öffentlichen Meinung sicherzustellen, wurde die jährliche Neuwahl von einem Drittel der Legislative und einem Fünftel der Exekutive in der Verfassung festgeschrieben. Frankreich erlebte infolgedessen einen Wahlmarathon ohnegleichen. Ein Kuriosum am Rande: Das jährliche Ausscheiden eines Direktors erfolgte per Los. Allein den Pariser Lebemann Paul Barras, der den Aufstieg Napoleons so maßgeblich förderte, traf der Losentscheid nie, sodass er über die Dauer von vier Jahren die französische Poli- tik ohne Unterbrechung an vorderster Position mitbestimmte. Im Gegensatz zur ersten Verfassung von 1791 und zur nie in Kraft gesetzten Jakobinerverfassung von 1793 betonte die Direktorialverfassung weniger die Rechte als die Pflichten des Bürgers bei der Verteidigung des Landes. Der Wahlmodus war indirekt — alle Steuerzahler hatten ein aktives Wahlrecht, während das passive Wahlrecht auf eine Minderheit von Höchstbesteuerten begrenzt blieb.
 
Mit zwei verfassungsmäßigen Geburtsfehlern hatte das Direktorium zeit seines Bestehens zu kämpfen: Zum einen war das Verhältnis von Exekutive und Legislative nicht geklärt, denn die Direktoren mussten sich gegenüber den beiden Kammern nicht verantworten. Zum anderen griffen die radikalen und royalistischen Kräfte gegen die offensichtliche Verletzung der Wahlfreiheit durch das Zweidritteldekret zu den Waffen. Die Manipulationen und Annulierungen von Wahlen waren an der Tagesordnung. Das äußerste Mittel des Staatsstreichs hatte Konjunktur, und die politischen Gruppierungen machten davon regen Gebrauch. Am 4. September 1797 (18. Fructidor V) schlug das Direktorium mit Unterstützung des von Napoléon Bonaparte aus Italien abkommandierten Generals Pierre François Charles Augereau eine royalistische Verschwörung nieder. Und am 11. Mai 1798 (22. Floréal VI) musste es sich gegen neojakobinische Kräfte zur Wehr setzen, bevor Napoleon am 9. November 1799 (18. Brumaire VIII) mithilfe des Abbé Sieyès gegen die Verfassung des Direktoriums putschte, um nach eigenem Bekunden die Revolution vor dem zerstörerischen Potenzial des Extremismus zu bewahren.
 
In dem politisch-ideologischen Interessenkonflikt zwischen nachjakobinischen »Linken« und royalistischen »Rechten«, an dem das Direktorium zugrunde ging, stand Napoleon für die nun alles entscheidende dritte Kraft: für die Armee. Die Unterstützung der siegreichen Armeen hatte den Druck des Volkes ersetzt. Napoleons triumphaler Italienfeldzug 1796/97 begründete nicht nur seine eigene Karriere, er löste in Frankreich, wenn auch nur kurzfristig, die enormen Finanz- und Versorgungsprobleme, an denen der alte Staat zugrunde gegangen und aus denen die republikanische Nation hervorgegangen war.
 
Prof. Dr. Erich Pelzer, Freiburg
 
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Revolutionskriege: Eroberung oder Befreiung?
 
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Revolution: Schillernder Begriff für vielfältige Phänomene
 
Frankreichs Hegemonie im 17. und 18. Jahrhundert: Europa im Zeichen der Lilie
 
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Utopie oder Realität?
 
 
Bailly, Jean S.: Mémoires d'un témoin de la Révolution. .. 3 Bände Paris 1804.
 
La caricature. Bildsatire in Frankreich 1830-1835 aus der Sammlung von Kritter, Beiträge von Leonore Binder u. a. Herausgegeben von Gerd Unverfehrt. Ausstellungskatalog Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster. Göttingen 1980.
 Cobban, Alfred: Frankreich von Ludwig XIV. bis de Gaulle. Aus dem Englischen. München 1966.
 
Die Französische Revolution. Eine Dokumentation, herausgegeben von Walter Grab. München 1973.
 Furet, François / Richet, Denis: Die Französische Revolution. Aus dem Französischen. Taschenbuchausgabe Frankfurt am Main 1993.
 Hunt, Lynn: Symbole der Macht, Macht der Symbole. Die Französische Revolution und der Entwurf einer politischen Kultur. Aus dem Amerikanischen. Frankfurt am Main 1989.
 
Kritisches Wörterbuch der Französischen Revolution, herausgegeben von François Furet und Mona Ozouf.2 Bände Aus dem Französischen. Frankfurt am Main 1996.
 
Lust an der Geschichte. Die Französische Revolution 1789-1799. Ein Lesebuch, herausgegeben von Ulrich Friedrich Müller. München u. a. 21989.
 
Marktweiber und Amazonen. Frauen in der Französischen Revolution. Dokumente, Kommentare, Bilder, herausgegeben von Susanne Petersen. Köln 1987.
 Ozouf, Mona: Das Pantheon. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Zwei französische Gedächtnisorte. Aus dem Französischen. Berlin 1996.
 
La Révolution Française. Images et récit. 1789-1799, herausgegeben von Michel Vovelle. 5 Bände Paris 1986.
 Schama, Simon: Der zaudernde Citoyen. Rückschritt und Fortschritt in der Französischen Revolution. Aus dem Englischen. München 1989.
 Schulin, Ernst: Die Französische Revolution. München 31990.
 Tocqueville, Alexis de: Der alte Staat und die Revolution, bearbeitet von Rüdiger Volhard. Aus dem Französischen. München 31989.
 Tulard, Jean: Frankreich im Zeitalter der Revolutionen 1789-1851. Aus dem Französischen. Stuttgart 1989.

Universal-Lexikon. 2012.

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